Hier finden Sie meinen Artikel "Burnout statt Chill-Out: Jugendliche und Stress", der in der aktuellen Ausgabe der Jungen Gemeinde (das evangelische Magazin für Arbeit mit Kindern und Jugendlichen) erschienen ist.

Burn-Out statt Chill-Out: Jugendliche und Stress
„Kommst heut mit ins Jugi (= Jugendzentrum)?“. „Nein, ich kann nicht, ich muss lernen.“ (Sara und Michelle, 13 Jahre)
„Ich hab voll Angst vor meinem Referat morgen – ich fang immer zu stottern an, wenn ich vor der Klasse reden muss und dann lachen die anderen so blöd.“ (Andi, 14 Jahre). „Ich muss das Schuljahr schaffen, meine Eltern zahlen so viel Schulgeld, die machen mir sonst voll den Stress.“ (Anna, 17 Jahre)
Dies sind Aussagen, die mir im Laufe meiner Arbeit mit Jugendlichen untergekommen sind. Sie zeigen, dass Jugendliche in Verbindung mit dem Thema Schule viele Anforderungen zu erfüllen haben. Intensives Lernpensum, hohe Erwartungen der Eltern, Zukunftsängste bezüglich Arbeitsmarkt, angespanntes Klassenklima, Konflikte mit LehrerInnen... – all das kann Stress erzeugen.
Was versteht man unter dem Begriff Stress?


Stress ist eine Reaktion, die dem Körper ermöglicht, auf eine Gefahrensituation zu reagieren. Bei einer Bedrohung kommt es zu einer intensiven Kraftbereitstellung und –entfaltung. Der Körper wird auf Angriff oder Flucht als Reaktionsmuster vorbereitet. Sämtliche Ressourcen werden mobilisiert und die ganze Energie richtet sich auf die Bekämpfung der Gefahr. Eine dauerhafte Aktivierung des Stressverhaltens kann die körperlichen und psychischen Abwehrkräfte schwächen. Reize, die Stress auslösen, nennt man Stressoren.

Welche Ursachen gibt es?
Man unterscheidet drei Gruppen von Stressoren:
* Normative Stressoren: Ereignisse, die bei den meisten Individuen einer  Altersgruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung auftreten, z.B. Schulwechsel, Pubertät.
* Kritische Lebensereignisse: extreme, altersunabhängige und nicht vorhersehbare Belastungen, die mit einschneidenden Lebensveränderungen und hohen Anpassungsleistungen verbunden sind (z.B. Tod eines Familienmitglieds, Scheidung, Unfall, Umzug)
* Daily Hassles: alltägliche Anforderungen und Probleme, die langfristig und wiederkehrend auftreten, z.B. Streit mit FreundIn, Schularbeit, langer Schulweg.Der alleinige Blick auf die stressauslösende Situation greift aber zu kurz, denn was als Stressreiz empfunden wird, ist individuell verschieden. Der Psychologe Richard Lazarus entwickelte aus dieser Erkenntnis das transaktionale Stressmodell, bei dem die Bewertungen der Situation und der möglichen Bewältigungsmöglichkeiten  im Mittelpunkt stehen. In der primären Bewertung schätzt eine Person eine Situation als angenehm, irrelevant oder stressbezogen ein. In der sekundären Bewertung entscheidet die Person, ob sie sich zutraut, mit der Situation fertig zu werden. Diese Bewertung hängt von bisherigen Erfahrungen im Umgang mit Stresssituationen, den persönlichen Ressourcen und dem Selbstvertrauen der Person ab.
Traut man sich die Bewältigung zu, wird die Stresssituation eher zu einer Herausforderung als zu einer Belastung. Zweifel an den eigenen Bewältigungsstrategien führen zu negativem Stressempfinden und den entsprechenden körperlichen, emotionalen und kognitiven Reaktionen (Schwitzen, Herzklopfen, Magenschmerzen, negative Gedanken, Konzentrationsprobleme, Denkblockaden, Verunsicherung, Angst, Anspannung). Misserfolge bei früheren Bewältigungsversuchen verstärken die negativen Bewertungen. So ist zum Beispiel das Schreiben einer Schularbeit nicht allein deshalb stressrelevant, weil zu einem bestimmten Zeitpunkt viele Prüfungstermine angesetzt sind, sondern es spielt eine Rolle, ob das Schreiben einer Schularbeit subjektiv als Bedrohung oder im positiven Sinn als Herausforderung bewertet wird. Für manche Jugendlichen ist damit ein traumatisches Ereignis verbunden, weil sie damit negative Konsequenzen vorwegnehmen („Wenn ich wieder ein Fünfer schreibe, trau ich mich gar nicht mehr nach Hause!“), andere sehen darin die Möglichkeit, ihr Talent unter Beweis zu stellen und für andere Jugendliche hat die Schularbeit keine Bedeutung, weil mögliche Konsequenzen für sie nicht wichtig sind.
Oder: Das Präsentieren eines Referats vor der Klasse kann primär als bedrohlich eingestuft werden, da die Gefahr des Versagens besteht oder das hämische Gelächter der Klasse bei einem Fehler als unangenehm erlebt wird. In einem zweiten Fall kann die Schülerin oder der Schüler sicher vor die Klasse treten, da ähnliche Situationen bereits erfolgreich gemeistert wurden und die Situation als weniger stressbezogen bewertet wird.
Zwischen den unterschiedlichen Stressoren gibt es oft Wechselwirkungen – zum Beispiel kann die Trennung der Eltern die normalerweise gut gemeisterten Anforderungen im Schulalltag in Mitleidenschaft ziehen (Abfall der Schulleistungen, Konzentrationsprobleme). Es kommt auch vor, dass sich eine Fülle kleiner Alltagsanforderungen so anhäuft, dass es plötzlich zu Stressreaktionen kommt.
Auch Interaktionen mit anderen Personen können das Stressempfinden beeinflussen. Beispiel: Eine Jugendliche kommt mit einer schlechten Note nach Hause. Ob die Eltern nun schimpfen, bestrafen und negative Reaktionen zeigen oder ob sie gemeinsam nach konstruktiven Lösungen suchen und die Jugendliche für das nächste Mal bestärken, beeinflusst das weitere Stressempfinden. Die Erwartung negativer Reaktionen wirkt sich bereits auf weitere Leistungen aus, da unter Angst und Druck Lerninhalte nicht abgerufen werden können und somit ein Teufelskreis entsteht. Nicht nur tatsächliche schulische Misserfolge führen zu Belastungen, bereits die Befürchtung zu scheitern führt zu Verunsicherung und Stress.

Welche Auswirkungen hat Stress?
Die Stressreaktionen sind individuell, grundlegend hat Stress Auswirkungen auf
* Körper: Erhöhung von Puls- und Atemfrequenz, Muskelanspannung, Reduktion der Verdauungstätigkeit, geschwächte Immunabwehr, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schlafstörungen
* Geist, Gedanken: Grübeln, Denkblockaden, Konzentrationsprobleme
* Seele: Angst, Aggression, psychosomatische Beschwerden, depressive Verstimmungen

Welche Bewältigungsmechanismen gibt es?
Ein Leben ohne Stress ist weder möglich noch wünschenswert. Wichtig ist es, ein Gleichgewicht zwischen Anforderung und Überforderung herzustellen und die Jugendlichen zu unterstützen, ein umfassendes Repertoire an Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Es gibt prinzipiell verschiedene Bewältigungsmöglichkeiten:
* personale Strategien (Zugriff auf eigene Ressourcen):
- stressauslösende Situation verändern (z.B. Ordnung am Schreibtisch schaffen)
- Beeinflussung der emotional-physiologischen Stressreaktionen (z.B. durch Atemübungen vor der Schularbeit)
- vermeidende Strategien (z.B. Ignorieren, Medikamenteneinnahme): diese Strategien sind ungünstig, da die Stresssituation nicht verändert wird und keine Fertigkeiten zum Umgang mit zukünftigen Belastungen erlernt werden
* soziale Strategien (Suche nach Unterstützung bei anderen, z.B. Freundin)Ein emotional tragfähiges Familienklima, in dem sich die Jugendlichen angenommen fühlen, das Wissen um soziale Unterstützung und positive erwachsene Modelle im Umgang mit Stress sind wichtige Faktoren.
Auch ein gesundheitsfördernder Lebensstil mit ausreichend Schlaf, gesunder Ernährung und regelmäßiger Bewegung hilft dem Körper, mit Stresssituationen besser umzugehen. Grundlage jeder Stressbewältigung ist der Aufbau eines positiven Selbstwertgefühls. Kinder und Jugendliche brauchen das Gefühl, ihr Leben selbst gestalten zu können, Einflussmöglichkeiten und Handlungsspielraum zu haben.
Es ist hilfreich, wenn Jugendliche auf einen Werkzeugkoffer mit unterschiedlichen Bewältigungsstrategien zurückgreifen können, aus dem sie situationsspezifisch und kontextabhängig schöpfen können.

Quellen:
Lohaus, A. & Klein-Heßling, J. (1999). Kinder im Stress. Beck`sche Reihe.
Portmann, R. (2005). Stress bei Kindern. Don Bosco.
Seiffge-Krenke, I. & Lohaus, A. (Hrsg.).(2007). Stress und Stressbewältigung im Kindes- und Jugendalter. Hogrefe.
von Bornhaupt, B. &  Hurrelmann, K. (1991). Kinder im Stress. Beltz.

 

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Mag.a Melanie Mezera
Psychologin
Mal-und Gestaltungstherapeutin

Telefon: 0699/19 58 03 45
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